Spracherwerb bei Kindern

Sprechen lernen ist eine der Höchstleistungen, die ein kleiner Mensch vollbringen muss. Der Spracherwerb geht langsam vonstatten, die meisten Kinder sprechen vor dem ersten Lebensjahr überhaupt nicht und danach nur sehr wenig und mit langsamen Fortschritten. Das liegt zum einen an der komplexen Physik des Sprechens, zum anderen am „Sprache lernen“ selbst – Erwachsene wissen, wie schwer es ist, sich eine Fremdsprache anzueignen.

Der Sprechapparat – unzählige Muskeln, die in Einklang gebracht werden müssen

Zum Sprechen braucht man Stimmbänder, die sitzen im Kehlkopf. Der Kehlkopf wird durch einen kleinen Deckel verschlossen, den man kontrolliert bewegen kann – ist er geöffnet, strömt Luft über die Stimmbänder, man kann die Stimmhöhe und -lautstärke kontrollieren. Bei geschlossenem Kehlkopfdeckel kann man flüstern, man spricht sozusagen stimmlos. Wie formt man nun bestimmte Laute beim Sprechen? Dazu braucht man die Mundhöhle, die Zunge und die Lippen. Vokale werden durch eine größere oder kleinere Öffnung des Mundes geformt, die Konsonanten entstehen im Zusammenspiel von Zunge, Zähnen, Gaumen, Wangen und Lippen. Der Kopf ist etwas schneller, was man daran erkennt, dass die meisten Kinder bereits im zweiten Lebensjahr Aufforderungen nachkommen, Fragen bis zu einem gewissen Grad beantworten und reagieren, wenn sich ein Gespräch um ihnen bekannte Sachverhalte dreht.

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Wie genau geht der Spracherwerb vonstatten?

Schon vor ihrer Geburt machen Kinder Erfahrung mit Sprache. Sie hören ab etwa der 25. Schwangerschaftswoche und nehmen Stimmen wahr, die sie nach ihrer Geburt mit Gesichtern in Verbindung bringen können. Das passiert in den ersten acht Lebenswochen, wenn Kinder gezielt nach der Quelle von Lauten suchen. In dieser Phase können sie selbst noch nicht kontrolliert Laute erzeugen, sondern erstaunen oft selbst über den Lärm, der da aus ihnen herauskommt. Bis die Kinder ein halbes Jahr alt sind, lernen sie nun gezielt Vokale zu produzieren, zu knurren, schnalzen, klacken und gurgeln. Gebärdensprache können sie erwerben, sowie sie gezielt greifen können, denn dann beherrschen sie bereits das Sprachwissen und die Muskelkontrolle in Händen und Armen. Bis die Kinder neun Monate alt sind, lallen sie. Sie verdoppeln Silben, die sie bereits sprechen können, und spielen so mit ersten „Wörtern“. Daher meinen die meisten Eltern, „Papa“, „Mama“, „Pipi“ und ähnliche Wörter zu hören – es ist ein Spiel, mit dem Kinder ihre Sprachfähigkeit trainieren. Bis zum vierzehnten Lebensmonat wird das Kind nun lernen, richtige Wörter zu bilden. Das werden zunächst einfache Wörter sein, die im Alltag vorkommen und mit denen das Kind vertraut ist.

Nach dem ersten Lebensjahr

Mit achtzehn Monaten können die meisten Kinder um die 50 Wörter anwenden und diese auch mehr oder weniger deutlich aussprechen. Erste einfache Fragen mit „was“ und „wo“ werden gestellt, oft noch als einzelnes Fragewort, das nicht in eine Satzstruktur eingebettet ist. Der Spracherwerb geht von jetzt an relativ schnell vonstatten, denn der Sprechapparat wird immer besser beherrscht, weshalb die Wörter auch nach und nach recht deutlich werden. Mit einzelnen Lauten wie beispielsweise dem deutschen „r“ und den Zischlauten haben viele Kinder allerdings noch Probleme, die sich erst im Laufe des vierten oder fünften Lebensjahres lösen. Wenn Kinder mit zwei Jahren noch keine fünfzig Wörter beherrschen, werden sie als late talker bezeichnet. Das ist nicht schlimm, Kinder entwickeln sich schlicht unterschiedlich schnell und auf unterschiedlichem Gebiet.

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Bis zum fünften Lebensjahr

Mit drei Jahren beherrschen Kinder in der Regel einfache Verben, Adjektive und Präpositionen. Sie können diese nicht nur verstehen, sondern wenden sie auch in kurzen Sätzen und Phrasen selbst an. Nach dem dritten Geburtstag wird das Vokabular bei den meisten Kindern schnell weiter ausgebaut, sie folgen Unterhaltungen, beteiligen sich mehr oder weniger aktiv daran. Wenn, und das ist in der deutschen Sprache ein Problem, viele Konsonanten aufeinander folgen oder Wörter sehr lang sind, haben viele Kinder immer noch Probleme mit der sauberen Aussprache. Einzelne Buchstaben, unbetonte Endungen und ganze Silben gehen manchmal verloren, aus dem Luftballon kann ein „Luffabong“ werden, aus der Lokomotive eine „Logodive“. Das ist normal.

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